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An dieser Stelle könnte eigentlich der Bericht über meinen wunderbaren Ausflug nach Versailles stehen. Wird er bald auch. Aber wohl erst in ein paar Tagen…
Ich sitze hier in meinem Zimmer, in einer Pariser Stadtwohnung, nur einige Straßenzüge entfernt von den grausamen Geschehnissen der letzten Nacht. Ich fühle mich leer. Der Himmel ist trostlos grau, die Straßen sind ungewöhnlich leer. Es ist ruhig draußen. Es ist wieder Januar, nur noch schlimmer.
Im Laufe der letzten Nacht sind in dieser Stadt mehr als 100 Menschen auf schrecklichste Art getötet worden, etwa weitere hundert sind verletzt, meist schwerverletzt in Krankenhäusern. Bei mir ist alles gut. Mir ist dagegen kein Haar gekrümmt worden, kann mich glücklich schätzen. Und trotzdem liegen jetzt fast ein Tag voller Angst und absoluter Fassungslosigkeit vor mir.
Gestern Abend, gegen kurz nach 22 Uhr, saß ich in Ruhe vor meinem Laptop und schrieb ein paar Zeilen für den Blog, als meine Schwester mir eine Nachricht schickte. Sie hatte sich das Fußballspiel im Fernsehen angeschaut. Es solle zwei Explosionen in der Nähe des Stadions gegeben haben. Ich hatte das Fußballspiel gar nicht auf dem Schirm. Mein Plan war es möglichst bald ins Bett zu gehen. An diesem Wochenende wollte ich an einem Ausflug in die Normandie und Bretagne teilnehmen, der von der ERASMUS-Organisation organisiert worden war. Aufgrund der Geschehnisse haben die Veranstalter noch mitten in der Nacht bekanntgegeben, dass die Fahrt abgesagt wurde. Wohl besser so. Die ganze Stadt wirkt wie in einer Art Schockzustand gefangen und die Anreise der Teilnehmer zum Sammelpunkt wäre wahrscheinlich nicht für alle möglich oder zum Teil zu gefährlich gewesen. Dieses Risiko wollte verständlicherweise niemand eingehen.
Etwas irritiert von der Nachricht der Explosionen fing ich an die französischen Nachrichtenseiten und Twitter zu durchforschen. Es ging alles unfassbar schnell in der nächsten Stunde. Permanent gab es neue Meldungen, viele unbelegte Gerüchte. Immer mehr, weitere Tatorte, Verletzte, Tote. Selbst wenn ich in der Wohnung sicher war, geriet ich in Panik, starrte wie gelähmt auf die Nachrichtenmeldungen, die ich auf meinem Bildschirm lesen konnte, während draußen das Chaos ausbrach. Über Facebook und andere Kommunikationsmittel versuchten sich alle gegenseitig zu versichern, dass sie in Sicherheit seien. Auch ich bekam dutzende Nachrichten von Verwandten und Bekannten, die sich nach mir erkundigten. Ich konnte sie beruhigen. Draußen konnte man bis in die frühen Morgenstunden immer wieder Kolonnen von Krankenwagen hören. Die Sirenen rissen nur selten ab. Die Wohnung liegt etwa auf halber Strecke zwischen dem Bataclan, der Rue de Charonne und zwei der nächsten Krankenhäuser. Von der Straße waren immer wieder vereinzelt Menschen zu hören, die verzweifelt versuchten, möglichst schnell ihren Weg nach Hause zu finden oder die völlig verwirrt nur durch die Straßen liefen. Selbst wenn ich es versucht habe, in der Nacht habe ich fast kein Auge zubekommen. Bin immer wieder aufgewacht, bekam Kopfschmerzen und hoffte nur das dieses grässliche Blutbad, das sich dort draußen ereignete endlich vorbei ging. Bescheuerter Weise hatte ich anscheinend die Hoffnung, dass bald jemand melden würde, dass das alles gar nicht stimmt und ich das nur geträumt hätte. Aber es ist auch heute Nachmittag noch pure Realität.
Das Leben in Paris ist weitestgehend zum Stillstand gekommen. Die für den anstehenden Klimagipfel schon ohnehin verschärften Sicherheits- und Grenzkontrollen wurden verstärkt. Der französische Präsident Hollande verkündete drei Tage Staatstrauern. Die Stadtbewohner werden gebeten möglichst zu Hause zu bleiben. Schulen, öffentliche Gebäude, Touristenattraktionen geschlossen. Veranstaltungen, Märkte abgesagt. Hollande kündigt in einer Pressekonferenz an, den Kampf gegen den IS und den extremistischen Terror nicht aufzugeben. Aus aller Welt bekunden die Menschen ihre Anteilnahme. Die Amerikaner sind sich sicher, dass die letzte Nacht das 9/11 Frankreichs gewesen ist.
Der Anschlag auf die Redaktion von Charlie Hebdo und auf einen Supermarkt für koschere Waren im Pariser Osten ist gerade einmal zehn Monate her. Frankreich ist seitdem in höchster Alarmbereitschaft, natürlich auch mit Sicht auf den anstehenden Weltklimagipfel. Doch, auch wenn es schwerfiel, haben die Menschen hier versucht wieder ganz normal dem Alltag nachzugehen, ihr Leben weiterzuleben. Trotzdem hat man hier und da gemerkt, dass in vielen von ihnen ab und an eine unterschwellige Angst aufkam. Dass die Gefahr auf einen weiteren Anschlag bestand war allen klar. In den Medien kam das Thema Charlie Hebdo und der Umgang mit Karikaturen und ihnen möglicherweise folgender Gewalt immer wieder zur Sprache. In Paris gab es zwar immer schon auffällig mehr sichtbare Sicherheitsleute und Wachtposten als im Vergleich zu deutschen Städten, rund um den Eiffelturm findet man eigentlich immer bewaffnete Polizisten. Aber ich wurde das Gefühl nicht los, dass die Stadt irgendwie merkwürdig ruhig und etwas angespannt war. Wenn ich mich an meinen kurzen, und daher vermutlich nicht sehr aussagekräftigen Stadtbesuch 2012 erinnere, ist für mich diese Assoziation trotzdem neu gewesen.
Die französische Regierung hat hingegen nach dem Anschlag im Januar nicht nur allgemein Kontrollen verschärft. Die schon bestehende Vorratsdatenspeicherung und generelle Überwachung durch Geheimdienste wurde ausgeweitet. Auch in Deutschland werden die Stimmen nach diesen Maßnahmen gerade in diesem Jahr immer wieder lauter. Im Oktober wurde vom Bundestag ein neues Gesetz zur Vorratsdatenspeicherung durchgewunken. Zwar wurden im Laufe des Jahres immer wieder Terrorverdächtige festgenommen und angeblich mehrere Anschläge glücklicherweise vereitelt. Doch häufig sind es bloße Zufälle, die die Ermittler auflauschen lassen. Indessen verbreitet die zunehmende Überwachung spürbar immer weiter Unsicherheit in der Bevölkerung.

Manchmal bekomme ich, wenn ich darüber nachdenke, das beklemmende Gefühl, die Menschheit kapituliert vor dem Terror. Die Staaten igeln sich immer weiter ein. Jeder und alles wird zunehmend überwacht. Jeder ist potentiell verdächtigt. Es war eine, fast mit Worten nicht zu beschreibende, grausame Nacht, die an Schrecklichkeit nur kaum überboten werden könnte. Die Welt ist geschockt, Paris trauert. Jeder, inklusive mir, empfindet vermutlich tiefstes Mitgefühl mit den Menschen, die Angehörige oder Freunde und Bekannte verloren haben. Gleichzeitig sollten wir uns niemals dem Terror unterordnen. Wir haben nur dieses eine Leben. Es ist wichtig, dass wir das Beste daraus machen, selbst, wenn es einem in solchen Zeiten immer schwieriger fällt sich nicht zu verstecken. Denn es kann jederzeit vorbei sein. Wenn wir nicht unser Leben so frei und reichhaltig leben, mit allen Freuden und interessanten Erfahrungen, aufregenden Partys und allem drum und dran, wie wir es uns wünschen, dann hat der Terror gewonnen… Trotz allem brauchen die Menschen hier wohl einiges an Zeit, um die Geschehnisse zu verarbeiten. Auch ich sitze immer noch wie gelähmt vor meinem Laptop und kann die Meldungen noch immer nicht ganz fassen. Jedes Rappeln da draußen, jedes komische Geräusch lässt mich erschreckt aufhorchen.

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Juliane Sprick

I am history student at Bonn University. But I am going to study at Sorbonne University in Paris for the winter term. Let's discover Paris - Allez hop!

2 CommentsLeave a comment

  • Lots of strenght! Basically all of my thoughts are with Paris now, when I am not doing anything. It is damn near unimaginable how this must feel. To be honest I, myself, feel silly changing my profile picture, but it seems to be one of the very few things that one can do to actually cope. To show solidarity and empathy. This must sound very stupid. But those are the times…

  • Bei all der Trauer um die Menschen die am Freitag Schaden genommen haben, dürfen wir nicht vergessen, dass die Menschen die gerade nach Europa flüchten diesen Terror und diese Angst jeden Tag in ihrem Land ertragen mussten. Um so mehr sollten wir diese schützen und nicht verwalten.