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Das hier wird kein Eintrag über meine Zeit in Spanien. Es wird keine Bilder von Reisen geben oder Berichte über meine Erlebnisse im Ausland. Ich habe versucht, ein paar der herumschwirrenden Gedanken der letzten Tage, die ich seit den Angriffen in Paris hatte, in Worte zu fassen. Wie strukturiert, gut lesbar oder interessant das Ergebnis werden wird, weiß ich nicht. Aber darum geht es auch nicht. Auch nicht darum, ob es gelesen wird oder nicht. Wenn ja, gut. Wenn nicht, auch gut. Ihr kommt nicht auf diese Seite, um mich über politische Themen und den Zustand unserer Welt palavern zu lesen. Aber wenn sich jemand diesen Beitrag durchlesen will, wenn er in irgendeiner Form interessant oder hilfreich ist, dann umso besser.


 

Ich bin kein großer Fan von Jan Böhmermann. Aber als vorgestern, am Tag nach den Attentaten, auf Facebook seine „100 FRAGEN NACH PARIS“  die Runde machten, war ich beim Lesen beeindruckt. Weil er es schaffte, die vielen wirren Gedanken, die einem bei den Nachrichten, beim Lesen der Schlagzeilen und bei der Erinnerung an diese und an vorausgegangene Bluttaten durch den Kopf schwirren, irgendwie festzuhalten. Es handelt sich bei diesen Fragen nicht um konkrete Lösungsansätze. Niemand wird am Ende dieser Lektüre aufstehen, seine Jacke nehmen, und wissen, was er zu tun hat, um die Welt zu retten. Einige der Fragen sind nicht unbedingt geschmackvoll, manche fehl am Platz, andere vollkommen bedeutungslos, doch beim Lesen einiger erwischt man sich dabei, dass einem diese Gedanken durchaus bekannt vorkommen. Bei einigen läuft es einem kalt den Rücken herunter. Und irgendwann zwischendurch musste ich plötzlich beim Lesen ein paar Tränen wegblinzeln, wie jetzt gerade beim Schreiben auch, und wie auch das ein oder andere Mal an diesem Wochenende. Tränen der Wut, der Trauer, der Verzweiflung, der Hilflosigkeit. Und genau das drücken diese hundert Fragen aus: Hilflosigkeit und Verwirrung. Sie sind nicht dazu da, um beantwortet zu werden. Der Artikel der Welt, der sich so liest, als habe sich ein Praktikant mal austoben dürfen, hat das wohl nicht ganz verstanden. Böhmermanns Fragen sind aber angebracht, weil sie uns irgendwie allen durch den Kopf gehen, wenn wir diese Bilder aus Paris sehen, aus Beirut und aus Syrien.

Mit einigen Reaktionen kann man nach solch schrecklichen Ereignissen immer sicher rechnen: mit gewaltsamen, denn ein solcher Angriff wird zwangsläufig mit Gegengewalt beantwortet. Mit solidarischen, denn auf der ganzen Welt bekunden jetzt Politiker, Würdenträger, Prominente und auch alle anderen Menschen ihr Mitgefühl. Es werden Profilbilder geändert oder in Frankreichfarben gefärbt, es ergehen Aufrufe zu Solidarität und Gebeten, zu Mitgefühl und Anteilnahme. Das alles ist gerechtfertigt. Anteilnahme wird die Opfer von Paris nicht wieder lebendig machen. Sie wird den Angehörigen ihren Schmerz nicht nehmen. Aber es ist menschlich, am Leid anderer Anteil zu nehmen. Und dieser Angriff, auch wenn er nicht Deutschland getroffen hat, nicht Spanien, nicht die Vereinigten Staaten, galt uns allen. Wir hatten nur das ‚Glück‘, dass er nicht uns getroffen hat. Und zuletzt kann man sicher sein, dass die Populisten die Köpfe aus ihren Löchern stecken und eine Gelegenheit wittern, den Hass und die Angst für ihre Zwecke zu nutzen. „Ich habe es ja gesagt!“, schreit der eine, „Das habt ihr jetzt davon!“, der nächste. Sie fühlen sich bestätigt und, das kann man glaube ich so beschreiben, sie verspüren ein Triumphgefühl. Sie hatten Recht. Ihre menschen-, genauer muslimfeindliche Ideologie scheint richtig zu sein. Zumindest in ihren Augen.

Und was sagt man dazu? Was antwortet man den Hetzern? Dass es nicht stimmt. Dass nicht alle Muslime Terroristen sind. Dass sie Unrecht haben. Und dass diese Männer, die in Paris über hundert ihrer Mitmenschen getötet haben, dieselben Männer sind, vor denen die tausenden und abertausenden Flüchtlinge, die an unseren Toren stehen, fliehen. Man wiederholt die Sätze und jedes Mal fühlt man sich verzweifelter. Denn es stimmt, was wir sagen. Ein Muslim ist kein Islamist, kein Terrorist. Und ein islamistischer Terrorist ist so sehr Muslim, wie ein Mitglied des Ku-Klux-Klans oder wie Anders Breivik Christen sind. Aber das Verständnis, auf das wir hoffen, die Toleranz, die wir uns wünschen, wenn wir diese Worte zum zehnten, zwanzigsten, gefühlt hundertsten Mal wiederholen, sie bleiben aus. Und deshalb steigen die Verzweiflung, der Ärger, die Frustration.

Eine weitere Diskussion bricht nach jedem Ereignis wie diesem zwangsläufig aus: wieso berührt uns Paris mehr als Beirut, Aleppo und Damaskus es tun? Wieso sind wir Charlie, wieso sind wir Paris und Frankreich, aber sind nicht Syrien, Irak und Libanon? Zwangsläufig wird die Antwort kommen, es sei dort Alltag, hier aber nicht. Das ist zynisch. Und es ist wahr. Paris ist uns näher, weil Frankreich unser Nachbarland ist. Weil wir, wenn wir auch durch Sprache und Kultur getrennt sind, uns Franzosen ähnlicher fühlen als Syrern, Libanesen oder Irakern. Und ja, wir sind abgestumpft von tagtäglichen Berichten über die Gewalt in diesen Ländern. Ja, wir sind zynisch. Denn wenn uns jede Bluttat so nahe ginge, wie sie es eigentlich sollte, dann würden wir daran zerbrechen. Aber wenn es in Frankreich passiert, kann es auch in Deutschland passieren. Wenn es Paris trifft, kann es auch Berlin treffen. Mir persönlich hat Paris Angst gemacht, weil Juliane dort ist. Und weil ich am Freitag dort hinfliege. Und mir hat es Angst gemacht, weil ich die Nachrichten in Madrid verfolgt habe, während ich durch den Hauptbahnhof Atocha lief. Dort haben vor elf Jahren Attentäter fast zweihundert Menschen getötet, um die spanische Beteiligung am Irakkrieg zu rächen. Und am Samstagmorgen hing neben der Gedenkplakette für die Opfer dieser Angriffe an der madrilenischen Kommunalverwaltung eine französische Fahne mit Trauerflor auf Halbmast. Wie sollte man da keine Angst haben?

Zwischen den vielen Facebookposts voller Aufrufen zur Menschenliebe und Versöhnung tauchte heute ein Video auf, das ich seit Jahren gut kenne, bei dem ich aber bis heute jedes Mal wieder eine Gänsehaut bekomme, wenn ich es sehe. Es ist die Rede am Schluss des Films ‚Der große Diktator‘ von Charlie Chaplin aus dem Jahr 1940, sein Plädoyer an die Menschlichkeit, großartig wie kaum ein zweites. Und so seltsam es wirkt, aber heute sind die Worte wieder so zutreffend wie 1940, als sie an die Nationalsozialisten gewandt waren. So etwas zu sagen erscheint einem wie ein Wahnsinn, wenn man bedenkt, was in der Zeit geschah, als Chaplin diese Rede vor einer Kamera hielt. Aber trotz der veränderten äußeren Umstände ist es noch immer aktuell. Und das ist furchtbar. Denn das sollte es nicht sein. Das fühlt sich falsch an im einem Jahrhundert, das doch eigentlich so fortschrittlich sein sollte.

Wir sollten mehr Chaplin sein. Denn dann müssten wir nicht Charlie sein.

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Cornelius Lilie

I am a student of History and Political Studies at Bonn University in Germany and I will study at Valencia, Spain for a semester.