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̶V̶̶a̶̶l̶̶e̶̶n̶̶c̶̶i̶̶a̶  Lohne, 25.12.2015

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Das neue Haus

Frohe Weihnachten miteinander! Wie ich schon vorgestern angekündigt hatte, schreibe ich diesen Beitrag nicht von Valencia aus, sondern aus Deutschland. Gestern morgen bin ich in Spanien losgeflogen, um über die Feiertage zu meinen Eltern zu reisen. Das Seltsame daran: ich komme nicht “nach Hause”, denn sie sind vor drei Wochen umgezogen. Daher war ich vor diesem ersten Besuch in ihrem neuen Haus verständlicherweise etwas nervös. Das erste mal seit sechzehneinhalb Jahren bedeutete Weihnachten bei meinen Eltern nicht Weihnachten in der Wohnung, in der ich aufgewachsen bin und meine gesamte Schulzeit (mit Ausnahme meines Schüleraustausches) verlebt habe. Sehr merkwürdig. Aber ich habe schnell gemerkt, dass die Sorgen zwar verständlich, aber doch ungerechtfertigt waren: auch ein neues Haus kann die Weihnachtsstimmung nicht stören, die man im Kreis seiner Familie erlebt. Vor allem, wenn die Familie so zerstreut lebt, wie wir: immerhin komme nicht nur ich aus Spanien zu Besuch, sondern auch meine Schwester aus Oslo, wo sie seit diesem Herbst lebt.

Abgesehen von der neuen Umgebung und der Eingewöhnung, die hier natürlich erst einmal nötig ist, so ist die Weihnachtsstimmung, die ich hier in Deutschland und bei meiner Familie gefunden habe, doch ein schöner Gegensatz zu Valencia. Denn auch, wenn der Kalender vorgestern bereits den 23.12.2015 anzeigte und ich noch einmal eine Runde durch die valencianische Innenstadt drehte, um die letzten Geschenke zu besorgen, war es alles andere als offensichtlich, dass es einen Tag vor Heiligabend war. Natürlich gab es in den großen Straßen und auf den großen Plätzen Weihnachtsdekorationen und auch eine Art Weihnachtsmarkt (wobei wir Deutschen glaube ich sehr hohe Ansprüche an das haben, was sich Weihnachtsmarkt nennen darf… :p ), aber im Vergleich zu einer Großstadt in einem anderen Land war die Weihnachtszeit kaum bemerkbar. Das dürfte natürlich auch mit am Wetter liegen, das zwar inzwischen doch (für valencianische Verhältnisse) relativ kühl geworden ist – nachts sind es jetzt sogar unter 10°C!! – und an der Vegetation, die einfach nicht sehr weihnachtlich oder winterlich wirkt (Palmen und Orangenbäume sind nunmal in meinen Augen keine angemessenen Weihnachtsbäume). Aber es liegt auch daran, dass Weihnachten in Spanien nicht annähernd so ein großes Ereignis ist, wie in anderen Ländern. Ich habe während meiner Einkäufe vorgestern und bei meinem letzten Besuch in der Uni vorgestern (die Vorlesungszeit für dieses Semester ist für mich bereits zu Ende! :) ) einige Aufnahmen von den Weihnachtsdekorationen gemacht, die ich finden konnte. Dass ich überhaupt danach suchen musste, ist Hinweis genug darauf, dass die Spanier ein anderes Verhältnis zu Weihnachten pflegen, als andere Länder.

Der Grund für diese mangelnde Weihnachtsstimmung ist, dass in Spanien der 25.12. zwar natürlich ein Feiertag ist (zu dem es beiauch jährlich eine Ansprache des Königs gibt),  das große Fest aber zu einem anderen Datum begangen wird: am 6. Januar werden dort die “Reyes Magos”, die heiligen drei Könige gefeiert. Und traditionell werden in Spanien dann erst die Geschenke ausgetauscht und die großen Familientreffen begangen. Weihnachtsfeiern am 24./25.12., der Weihnachtsmann (“Papa Noél”) und die große Weihnachtsstimmung seien Eindringlinge und Resultate der Globalisierung, die es in Spanien erst seit zwanzig oder dreißig Jahren gäbe, so wurde mir erzählt.

Das Dreikönigsfest ist also, im Gegensatz zu Deutschland, wo je nach Landesteil Sternsinger durch die Gegend ziehen, eine riesige Angelegenheit und der bedeutendste Tag der Weihnachtszeit. Die Familien kommen zusammmen und die Kinder bekommen ihre Geschenke. Ich merkte bei der Erzählung an, es sei ungerecht, dass die spanischen Kinder länger warten müssten als die in anderen Ländern, aber das schien niemanden zu stören. Die spinnen, die Spanier… Wie deutsche Kinder zu Nikolaus stellen die spanischen traditionell am Vorabend ihre Schuhe auf (wenn auch am Fenster, statt vor der Tür) und daneben für jeden der drei Könige ein Glas Likör und einen Keks (nach so einer langen Reise muss man sich ja auch schließlich stärken!). Am 6. Januar selbst kommen die Familien zusammen und die Weihnachtsgeschenke werden ausgetauscht.

Der Höhepunkt der Feierlichkeiten ist der Roscón de los Reyes, eine Art Hefezopf, der gemeinsam gegessen wird. Darin eingebacken sind eine getrocknete Bohne und eine kleine Königsfigur aus Porzellan. Derjenige, der die Figur in seinem Stück findet, wird mit der Pappkrone (siehe Bild) gekrönt. Wer die Bohne findet, hat hingegen verloren und muss den nächsten Roscón zahlen. Mit diesen Feierlichkeiten endet dann in Spanien die Weihnachtszeit.

Eine andere spanische Tradition der Weihnachtszeit ist dem einen oder anderen auch aus der Tagesschau oder anderen deutschen Medien bekannt sein: die große nationale Weihnachtslotterie, die alle Jahre wieder das gesamte Land in den Wahnsinn stürzt. Den gesamten Dezember über kann man in jeder Lottostelle und auch in zahlreichen anderen Geschäften Lose zu vollkommen verrückten Preisen kaufen (ein “Decimo” kostet 20 Euro!) und die Gewinnchancen sind wesentlich größer als bei der normalen Lotterie. Wie genau das System funktioniert, verstehe ich selber absolut nicht. Es gibt viele verschiedene Möglichkeiten, irgendwelche Geldbeträge zu gewinnen, der Hauptgewinn beträgt vier Millionen Euro. Die Ziehung der Lose wird traditionell am 22.12. veranstaltet und ist für viele Spanier der inoffizielle Beginn der Weihnachtszeit (der Advent wird dort nicht so gefeiert, wie bei uns und auch Adventskalender sind in Spanien recht unbekannt).

Die Ziehung ist eine riesige Veranstaltung und wir landesweit in Fernsehen und Radio übertragen. Die Kinder, die bei der Ziehung mithelfen, kommen traditionell immer aus einer madrilenischen Schule, in der die Lotterie entstanden ist. Jedes Jahr werden zwei Schüler ausgewählt, um die Loszahlen und Gewinne zu verkünden und die Art und Weise, auf die das geschieht, muss vorher genau einstudiert werden. War schon interessant, das Ganze so mitzuerleben, wo man hier in Deutschland die Ziehung und die Ergebnisse immer nur in den Nachrichten mitbekommt.

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Der Weihnachtsbaum im neuen Haus

Da bereits aus Irland und Frankreich Beiträge zum Weihnachtsfest veröffentlicht wurden, war dies nun also eine kleine Einführung in die spanischen (Nicht-)Weihnachtsgebräuche. Ich wünsche allen Lesern ein frohes Fest und angenehme Feiertage! In den nächsten Tagen kommt, wie versprochen, der Beitrag über meinen Besuch in San Sebastián! Bis dahin eine schöne Weihnachtszeit! :)

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Cornelius Lilie

I am a student of History and Political Studies at Bonn University in Germany and I will study at Valencia, Spain for a semester.