Blogventure – We blog our adventure

Jonas schaut mich an mit einem Ausdruck aus Verzweiflung und einem Lächeln, welches sagt: „Das kann doch jetzt nicht wahr sein.“ an und fragt: „Alex, weißt du, wo wir sind?“ Ich weiß es nicht. Mir wird folgendes klar: Ich stehe mit Jonas an der Hauptstraße eines kleinen 50-Seelen-Ortes, dessen Name und Position ich nicht kenne, ich habe fast nichts zu Essen und kaum etwas zum Trinken, keine Unterkunft, keinen Handyempfang und es wird bald dunkel… Ich denke: „Wir haben ein Problem.“ Doch wie ist es so weit gekommen?

 


 

Nachdem unsere Fähre einige Zeit durch Fjorde geschlängelt ist, die mich an Skandinavien erinnern, erreichen wir Picton. Im Anschluss an einen kurzen Fußweg checken wir in unserem neuen Hostel „The Villa“ ein und es ist wirklich mit Abstand die beste Unterkunft, in der ich bislang genächtigt habe. Nicht vom Standard der Zimmer her, oder vom Preis, sondern vom Charme! Das Gebäude gleicht Pippi Langstrumpfs „Villa Kunterbunt“, neben der Wiese mit Esstischen steht eine Art Baumhaus und in den Sträuchern hängen Lichterketten, sowie eine Hängematte – einfach klasse! Die Südinsel ist für mich in den letzten Monaten sowieso zu einer Art Sakrileg geworden. Jeder, und ich meine wirklich ausnahmslos jeder, hat mir die Südinsel empfohlen. Sie sei wesentlich schöner, das haben mir nicht nur andere Backpacker, sondern auch Bewohner der Nordinsel klar gemacht.
„Schöner See!“ – „Auf der Südinsel gibt es viel schönere Seen!“
„Ich hoffe, dass ich bald einen Job finde.“ – „Auf der Südinsel ist es richtig einfach, etwas zu finden.“
Wenn man sich solche Empfehlungen aber drei Monate lang anhören „muss“, dann wird es irgendwann lächerlich. Man fragt sich: „Wie kann das sein? Ist es im Süden wirklich so viel schöner?“ Meine neue Unterkunft erfüllt jedenfalls alle Erwartungen.
Eigentlich wollten Jonas und ich nur eine Nacht bleiben und dann weiterziehen. Da es uns aber so gut hier gefällt, buchen wir noch eine Nacht. Warum auch nicht? Wir haben ja keinen Zeitdruck. Während ich im Baumhaus sitze, skype ich mit meiner Familie und den Rest des Tages verbringe ich mit „The Hobbit“ in der Hängematte. Ein richtig fauler Sonntag.

 


 

Passiert das jetzt gerade wirklich?

Am nächsten Morgen wollen wir weiterziehen. Nachdem ich Jonas die letzten Tage von meinen Erfahrungen mit Trampen erzählt habe, willigt er ein, es doch mal zu probieren. Wir positionieren uns am Ausgang des Städtchens, setzen unser Sonntagsgrinsen auf, Daumen raus und warten. Eine Stunde vergeht, bis ein israelischer Backpacker anhält. Nach kurzem Aufräumen ist genug Platz geschaffen und er nimmt uns mit. Wir fahren in die nächste Stadt (Blenheim), wo Jonas und ich aussteigen und nochmals unser Glück probieren. Diese Situation wiederholt sich drei Mal. Nachdem wir uns von unserem letzten Fahrer verabschiedet haben, stellt mir Jonas die Frage: „Alex, weißt du, wo wir sind?“ Ich weiß es nicht genau, wir befinden uns irgendwo zwischen Blenheim und Nelson. Vor allem weiß ich nicht, wie weit es noch ist bis zu unserem Zielort. An dieser Stelle sei gesagt, dass sich kein Ortsschild am Ortseingang befand. Ich schaue auf mein Handy: kein Empfang, kein GPS. Ich laufe zu einem Restaurant und erfahre, dass wir uns in Ray Valley befinden. Und jetzt? Es ist weit und breit keine Bushaltestelle in Sicht und das Trampen klappt heute auch nicht gerade wie geplant. Wir haben für die bislang zurück gelegten 100 km fünf Stunden gebraucht und bald wir es dunkel, dann nimmt uns auf keinen Fall jemand mit. Die langen Wartezeiten sind darauf zurück zu führen, dass kaum jemand zwei fremde Männer mitnehmen möchte. Zum Trampen ist das wirklich die unglücklichste Kombination. Was mach ich denn jetzt? Wie komm ich hier weg? Ist das der Traum von Freiheit? Wohl kaum. Unwohlsein steigt in mir auf. Die Einzige, die ich jetzt kontaktieren könnte, ist Esther. Doch ich überrede Jonas es noch eine weitere Stunde per Anhalter zu probieren. Die Tatsache, dass ich nicht allein bin, beruhigt mich. Einen wirklichen Vorteil bringt es eigentlich nicht. Jonas hat (wie ich) kein Zelt dabei, oder eine Idee, wie wir hier weg kommen, aber wenn man in so einer Situation steckt, ist es beruhigend, wenn man sowas zu zweit durchstehen kann. Natürlich hält keiner mehr an. Ich gehe erneut zum kleinen Restaurant, benutze das Telefon, um Esther anzurufen. “Bitte geh ran, bitte geh ran”, denke ich. Gott sei Dank, dass sie abnimmt. Ich schildere kurz unser Dilemma und sie macht sich sofort mit Molly auf den Weg, um uns abzuholen. Die Beiden kommen extra 40 Kilometer von Nelson gefahren und gabeln uns auf. Jonas und ich sind natürlich mehr als dankbar und nicht zum letzten Mal, retten sie mir den Hintern. Was ich gemacht hätte, wenn Esther nicht ans Telefon gegangen wäre, oder die Mädels uns nicht hätten abholen können, kann ich wirklich nicht sagen. Ich glaube, dann hätten wir wirklich ein Problem.

Nach 45 Minuten kommen wir in Nelson an. Ich trinke zwei Liter Wasser ohne eine Pause und merke, wie dehydriert ich eigentlich bin vom Stehen in der Sonne. Abends schmerzen meine Wangen und die Augen. Das mag sich jetzt blöd anhören, aber wenn man stundenlang in der Sonne ohne Sonnenbrille steht, weswegen man die Augen zukneifen muss, und dabei noch die ganze Zeit grinst wie ein Zahnmodell in einer Colgate-Werbung, dann schmerzt einem abends halt der ein oder andere Teil des Gesichts. Klingt komisch – ist aber so! (Vom Tragen von Sonnenbrillen würde ich beim Trampen generell abraten) Jedenfalls haben sowohl Jonas und ich erst einmal genug von der unsicheren Fortbewegungsmethode und beschließen, das nächste Mal einen Bus zu nehmen…. Wenigstens habe ich etwas zu erzählen! 😀

About author View all posts Author website

Author Image

Alexander Hirzmann

This year Alex will take the opportunity to visit New Zealand for about one year. With this, his lifetime dream comes true.