Blogventure – We blog our adventure

Nach der Wanderung am Wochenende, ziehe ich dienstags bei Robin ein. Sie ist Mitte Vierzig und stammt ursprünglich aus Südafrika, lebte aber lange Zeit in England. Ich betrete zum ersten Mal das Haus und auf der Küchenzeile steht eine Marihuana-Pflanze, die seltsamer Weise am nächsten Tag verschwunden ist. Als sie mir später erzählt sie züchte Schmetterlinge, ist das Klischee-Fass voll. Zugegeben, da musste auch ich erst einmal schmunzeln. Als Untermieter habe ich endlich wieder mein eigenes kleines Reich. Nach Monaten in Mehrbettzimmern, gibt es derzeit nichts wonach ich mich mehr sehne, als etwas Ruhe und Privatsphäre. Zusammen mit Robin, ihren drei Hunden, drei Katzen und drei weiteren Untermietern werde ich die nächsten Wochen zusammen wohnen. Die Tatsache, dass die Namen aller Hunde, zwei von drei Katzen und eines Mitbewohners auf „-y“ enden, macht es mir wirklich nicht leicht. Ein Mitbewohner heißt außerdem genau wie eine der Katzen, was gelegentlich zumindest bei mir für Verwirrung sorgt…

„Hast du Willy gesehen? Er hat sein Abendessen noch nicht gegessen.“
„Ich denke, er ist noch arbeiten? Warum interessiert dich das überhaupt?“

Solche Situation zaubern öfter für ein Schmunzeln auf Robins Gesicht.

Unser Hauswelpe

Meine zwei tschechischen Mitbewohner Peter und Kristina arbeiten auf einer der umliegenden Obstplantagen. Er ist der große, sanftmütige Kerl, der Kraft ohne Ende hat, aber keiner Fliege ein Haar krümmen könnte. Sie ist die klischeehafte Blondine, die als Barfrau gearbeitet hat und daher immer einen Spruch auf den Lippen und viel Temperament hat. Immer wieder bringen sie Freunde mit nach Hause, weswegen ich zum ersten Mal mehr Tschechisch als Deutsch höre. Ich bin sogar eine Zeit lang froh, überhaupt keine Deutschen um mich herum zu haben. Robin beschwert sich manchmal bei mir: „Die Tschechische Republik ist wieder zu Gast“. Trotz mehrerer Versuche ein wenig Tschechisch zu lernen, bleibt, abgesehen von „Ahoi“ (=“Hallo“), nicht viel hängen. Mich stört das jedoch relativ wenig, da ich es gewohnt bin kein Wort zu verstehen, von den Leuten um mich herum. Denn seit kurzem meinen Esther und Molly vermehrt Chinesisch zu sprechen und so gut ist mein Mandarin noch nicht, dass ich mithalten könnte. Neu zu uns gestoßen ist Hester aus Taiwan, die bei den anderen beiden im Zimmer wohnt und ebenfalls bei Talleys arbeitet. Da die drei nun fast ausschließlich Mandarin miteinander sprechen, schalte ich irgendwann ab. Nach mehreren Versuchen sie zu überzeugen doch Englisch zu reden, folgen meinerseits drei Phasen: Ärgernis, Ignoranz, Akzeptanz. Ein paar Wochen später beginne ich dann doch ansatzweise zu verstehen, worüber sie sich unterhalten, da ich einzelne Wörter aufschnappe. Esther stellt eine Frage an Molly auf Mandarin, ich antworte auf Englisch, die Verwirrung ist perfekt.
Erst nach mehreren Wochen wird mir bewusst, dass ich zum ersten Mal in einer Art WG wohne. Komisch, aber es dauert wirklich Wochen, bis es mir überhaupt auffällt. Es klappt auf jeden Fall soweit reibungslos.


Arbeiten bei Talley’s

„Lieber mache ich hier eine schlechte Erfahrung und gehe einer stupiden Arbeit nach, als in Deutschland“, war meine Antwort auf Jonas Frage: „Willst du dir nicht lieber einen anderen Job suchen?“ Und in der Tat, es sollte eine solche Erfahrung werden. Aus einer gewissen Verzweiflung heraus, hatte ich mich damals auf die Stelle als „Muschelöffner“ beworben. Ja ganz richtig, meine neue Tätigkeit besteht darin Muscheln zu öffnen. Und das neun Stunden am Tag, sechs Tage die Woche. Es ist genauso spannend, wie es sich anhört. Wir stehen mit 50 Leuten am Fließband, es spricht keiner, ein Radio gibt es für mich nicht. Theoretisch könnte ich mir für 100$ Kopfhörer mit integriertem Radio kaufen, aber das sehe ich dann auch nicht ein. Die ersten Tage gehen noch in Ordnung und nach unserer ersten Woche fahren wir sonntags zum Kaiteriteri-Beach.

Nach den nächsten Wochen fehlt uns selbst dafür die Energie, denn die Arbeit, so stupide sie auch ist, sie schlaucht uns ungemein. Der schönste Moment des Tages, ist der Augenblick, bevor ich morgens abgeholt werde und dem Sonnenaufgang sehen kann.

Um zusätzlich Geld zu sparen, schließe ich mich der Putzkolonne an, die nach jeder Schicht noch die Halle reinigt. Ich arbeite bis zu 70 Stunden pro Woche. Noch nie hatte ich in meinem Leben so sehr das Gefühl, Lebenszeit gegen Geld einzutauschen. Viel Freizeit bleibt da nicht. Sonntags schlafen wir alle lange und gehen einkaufen. Die restlichen Tage bestehen aus Arbeiten, Kochen und Duschen. Das war es dann meistens auch schon. Trotzdem möchte ich mich nicht nur beschweren. Dank der hohen Anzahl an Stunden und auf Grund des niedrigeren Steuersatzes kann ich trotz Mindestlohn hier viel Geld verdienen, welches ich in den nächsten Monaten gut brauchen kann.
Obwohl ich nach vier Wochen eigentlich die Nase voll habe, beschließe ich mit den Mädels den Job bis Weihnachten durch zu ziehen. Eigentlich wollten wir Anfang Dezember die Stelle kündigen und im Süden der Insel eine Anstellung auf einer Kirschenfarm finden. Aus verschiedenen Gründen entscheiden wir uns dann doch dagegen:

  1. Fühlen wir uns alle in den eigenen Wohnungen wohl
  2. Es gibt keine Garantie, dass wir im Süden überhaupt einen Job finden
  3. Verdienen wir gerade schon ganz gutes Geld
  4. Sind wir einfach zu bequem und es sind nur vier weitere Wochen

Also Zähne zusammenbeißen. Als ich mich einmal wieder über meine Arbeit und die Rückenschmerzen beklage, erfahre ich von Kristina, dass sie einen Abschluss als Ingenieurin hat, trotzdem arbeitet sie auf einer Plantage, von der sie beinahe täglich mit Sonnenbrand nach Hause zurückkehrt.
„Warum machst du das dann?“ frage ich sie.
„Es gehört einfach dazu!“
Und damit hat sie Recht. Es gehört einfach zum Backpacker sein dazu, einmal einen miesen Job nachzugehen. Genauso wie man mal in einem grottigen Hostel absteigen muss, dauernd keine Kohle und selten Privatsphäre hat. Es ist einfach ein Teil der Reise. So lange man im Nachhinein noch drüber lachen kann, ist alles in Ordnung.

Mit dem Wissen, dass ich so einen Job nie wieder machen muss, gehe ich weitere vier Wochen zur Arbeit, bis schließlich der 23. Dezember vor der Tür steht; Mein letzter Arbeitstag. Meine letzte Muschel habe ich bereits gestern in den entsprechenden Trichter gepfeffert, das könnt ihr mir glauben. Heute steht nochmal eine Generalreinigung an und um 12:00 Uhr ist es dann auch geschafft. Ich verabschiede mich noch von ein paar Kollegen und meinem Supervisor Joseph, mit denen ich ja doch die letzten zwei Monate viel Zeit verbracht habe. Ich bringe meine Gummistiefel zurück in die Wäscherei und verlasse mehr als nur erleichtert das Firmengelände. Endlich frei!

Da ich den November und Dezember wortwörtlich nur mit Arbeiten verbracht habe, kam bislang wenig Weihnachtsstimmung auf. Draußen sind es gefühlt angenehme 22°C, die Geschäfte sind voller Weihnachtsdekoration und in unserem Wohnzimmer steht ein Plastikweihnachtsbaum – verrückte Welt. Irgendwie passt das so gar nicht in mein „Weiße-Weihnacht-Bild“.

Daher ist Heiligabend für mich eher wie ein normaler Samstag. Ja ich weiß, Weihnachten war nicht an einem Samstag, aber das war sonst der einzige Tag, an dem ich nicht schon um 21:00 Uhr im Bett lag. Schichtbeginn war immer um 06:00 Uhr. Weihnachten 2015 – es war seltsam, definitiv anders als sonst, aber ich werde es nie vergessen.

Am 25. fahre ich mit Esther, Hester und Molly Richtung Christchurch, wo wir meine Schwester abholen werden. Es folgt ein Roadtrip 2.0 mit Abschluss auf den Fidschis! :)

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Alexander Hirzmann

This year Alex will take the opportunity to visit New Zealand for about one year. With this, his lifetime dream comes true.