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Metrostation Saint-Michel, vormittags auf dem Weg zur Uni: “Andere Seite Papa, du musst auf die andere Seite!” – “Hä? Warum denn?” fragt der deutsche Vater der fünfköpfigen Familie vor mir seine Tochter zurück und bleibt dabei demonstrativ auf der linken Seite der Rolltreppe stehen. Mindestens drei genervte Pariser, die ebenfalls auf der Rolltreppe stehen schauen schauen etwas entnervt, aber auch belustigt. Wie selbstverständlich heißt es hier sonst links gehen, rechts stehen. Solche oder so ähnliche Situationen passieren einem in Paris, auf dem Weg von A nach B häufig. Vermutlich ein weltweites Großstadtphänomen. Natürlich ist Saint-Michel, mitten in der Innenstadt von Paris auch ein absolutes Nadelöhrl. Viele Leute, die hier auf ihrem Weg zur Arbeit sind, ein Touristenhotspot und nicht zu vergessen in der Nähe befindet sich die Sorbonne. Die Metro verbindet sie alle.

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Das wohl am meisten verbreiteste Hinweisschild für die Metro in Paris.

Das Metronetz von Paris hat bei weitem nicht den Bekanntheitsgrad der Londoner Underground. Dennoch ist und bleibt die Metro mit ihren über 300 Stationen das effektivste Verkehrsmittel, um in Paris seine Wege zu bestreiten. Hier mal ein Übersichtsplan, der einem sogar darüber aufklärt, wie viele Minuten etwa fußläufig zwischen den Stationen liegen. Busse bleiben aufgrund des hohen Verkehrsaufkommens doch gerne mal im Stau stecken. Und mit dem Auto fahren hier nur die, die entweder wahnsinnig sind, oder Pendler, die nicht gerade neben einem passenden Bahnhof wohnen.

Aufgrund ihrer Praktikabilität sind die Züge aber auch insbesondere zu Stoßzeiten proppevoll. Wirklich voll. Gerade, wenn man doch noch bis zum frühen Abend in der Bibliothek saß, muss man auf dem Rückweg um jeden Zentimeter kämpfen. Kein angenehmes Gefühl, aber die meisten Leute nehmen es mit Fassung. Hier ein anschauliches Beispiel. 😀  Auch weniger schön ist, dass die langen, manchmal auch verwirrend labyrithartigen Gänge, vor allem an der Station Châtelet, häufig unangenehm nach Urin riechen oder aufgrund durch Bauarbeiten verdreckt sind. Zugleich offenbart ein Gang durch die Metrostationen einem zusätzlich, dass es in Paris deutlich mehr Obdachlose gibt, als ich sie in Deutschland je gesehen habe. Spätestens, wenn es draußen kalt und ungemütlich wird, suchen viele von ihnen zwischen den Sitzen, eingehüllt in Decken und Schlafsäcke, direkt an den Gleisen Unterschlupf. Einige scheinen gar dort zu wohnen.

20160120_163648zVom Gleis weg, aus dem Zug raus, läuft man dann des Öfteren an durchaus begabten Straßenmusikern vorbei. Von Streichquartetten, über Jazzensembles bis zum klassischen französischen Chanson ist alles dabei. Ohne Frage sind Panflötenspieler leider in Paris genauso unvermeidbar wie anderswo. 😉 Mir persönlich, hat der ein oder andere musikalische Beitrag, auch wenn ich nur dran vorbei gehetzt bin, den manchmal grauen Alltag versüßt. Dennoch bleiben nicht viele Leute stehen, um ihnen länger als ein paar Sekunden zuzuhören. Natürlich finden sich auch weniger begabte unter ihnen, dennoch hat die Mehrzahl der Musiker ein Vorabcasting durchstanden, dass die Pariser  Verkehrsgesellschaft RATP regelmäßig veranstaltet. Zudem sind auch viele Stationen künstlerisch gestaltet. Mal auffälliger und mal dezenter. Mein Highlight war dabei bisher eindeutig die Haltestelle “Arts et Métiers” der Linie 11. In einer Hommage an Jules Verne findet man sich am Bahnsteig der Station in dem Inneren eines U-Boots wieder. Wirklich gelungen. Und ein absolut unerwarteter Überraschungseffekt, als ich das erste Mal per Zufall dran vorbei fuhr.

Neben all den Touristenmassen, Pariser Bürgern und Musikern fällt beim Gang durch die Stationen auch häufig auf, wie hier altes und modernes direkt aufeinandertreffen. Meist bemerkt man das erste Anzeichen allerdings schon bevor man die erste Treppe in das Souterrain der Stadt betritt. Die Schilder, die einen auf die Stationen hinweisen, sind häufig schon mächtig alt. Viele von ihnen stammen noch aus den ersten Jahrzehnten der Metro und sind zum Teil von Künstlern im Jugendstil/Art Nouveau entworfen worden:

Das Netz der Metro von Paris gehört zu den ältesten der Welt. Die erste Strecke wurde anlässlich der Weltausstellung im Jahr 1900 eröffnet. An manchen Stellen offenbart sich dieses Alter jedoch, neben durchaus sehenswerten architektonischen und künstlerischen Spezialitäten, unfreiwillig in der Zugänglichkeit der Metro, etwa für körperlich beeinträchtigte Personen. Wer allein nur mal versucht hat mit einem großen Koffer mit ihr zu fahren, wird spätestens beim Umsteigen bemerkt haben, dass es häufig an Rolltreppen und vor allem Aufzügen mangelt. Eigentlich ein Unding im 21. Jahrhundert. Letztendlich kommt aber niemand an der Metro vorbei, der sich nicht das tägliche Taxi leisten kann oder sich auf dem Fahrrad zum Teil höchst waghalsig durch die Straßen kämpft. Wahrscheinlich können die meisten Leute in Paris die vier- bis fünfsprachigen Durchsagen in den Zügen im Schlaf aufsagen. 😀 “Please mind the gap between the train and the platform!” …

 

 

 

 

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Juliane Sprick

I am history student at Bonn University. But I am going to study at Sorbonne University in Paris for the winter term. Let's discover Paris - Allez hop!