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Bonn, 20.03.2016

Wem von Euch ist Murphy’s Law ein Begriff? Geprägt wurde dieses heute weltbekannte Prinzip von dem amerikanischen Ingenieur Edward A. Murphy jr. 1949 merkte er nach einem aufgrund menschlichen Versagens fehlgeschlagenen Experiment, dass wenn die Option bestünde, einen Fehler zu machen, irgendjemand diesen machen würde. Paraphrasiert ist Murphy’s Law heutzutage bekannt als: “Whatever can go wrong, will go wrong.”

In einem Selbstversuch haben Theresa und ich getestet, dass man dieses Prinzip nicht nur auf naturwissenschaftliche Experimente anwenden kann. Das funktioniert auch ganz wunderbar auf dem Jakobsweg! Und deswegen brachten wir die ersten beiden Tage unserer Reise damit zu, von einer Panne in die nächste zu stolpern und hatten am Mittag des zweiten Wandertages beide so ziemlich die Hoffnung verloren, dass wir überhaupt in Santiago ankommen würden. Es kam zwar dann doch anders, aber zumindest zeitweise hatten wir den Plan des Pilgerwegs beinahe aufgegeben.

Aber fangen wir von vorne an – nämlich mit unserem ursprünglichen Plan:

Am 09.02. brechen wir, wieder einmal mit Blablacar, von Valencia in Richtung Madrid auf, wo wir per Bus einen Anschluss nach Laufroute (ungefähr) nach SantiagoWeg nach VillafrancaPonferrada gebucht haben. Spanische Überlandbusse sind übrigens großartig und vom Komfort her sind die deutschen damit nicht einmal ansatzweise vergleichbar!

Die Reise von Valencia nach Ponferrada nimmt so ziemlich den gesamten Tag in Anspruch, sodass wir am frühen Abend dort ankommen. Von dort aus geht es noch eine Station mit dem Linienbus weiter zu unserem eigentlichen Tagesziel: Villafranca del Bierzo, der Etappe Nr. 25 auf dem Camino Frances (dem “originalen” Jakobsweg) und unserer ersten Station auf der Wanderung. Von Valencia aus reisen wir dorthin etwas über 750km, über den Weg von dort bis Santiago de Compostela bin ich mir bis heute nicht genau sicher. Wie Ihr im nebenstehenden Bild sehen könnt, behauptet Google Maps, es seien etwa 177km. Der Pilgerführer, den ich extra für die Wanderung erstanden habe, behauptet hingegen, es seien 187,5km, auf einem Schild vor unserer Herberge in Villafranca steht 182,5km und auf einem Straßenschild am Ortseingang 200km. Wir lernen bereits sehr früh, dass man eigentlich keiner Ortsangabe trauen, sondern e1infach laufen und auf das Beste hoffen sollte! 😀

Villafranca ist ein kleiner und unscheinbarer Ort, der jedoch einige schöne Ecken hat. Bei unserer Ankunft wird es bereits dunkel und leider regnet es, wenn auch nicht sonderlich stark (eine wunderbare Einstimmung auf den Weg, denn Regen wird sich in den nächsten Tagen zu unserem ständigen Begleiter entwickeln). Nach kurzem Suchen finden wir die geöffnete Pilgerherberge, die im Pilgerführer angepriesen wird. Wenn er auch was die Entfernungen angeht wirklich unzuverlässig ist, so hilft er uns bei den Herbergen in jeder Station zuverlässig weiter und lässt uns nicht im Stich!

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Mein Pilgerausweis

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Meine Stempelsammlung am Ende des Weges

Die Herberge ist urig und wird von sechs Pilgern geführt, die im Laufe ihres Lebens irgendwann einmal den Camino gelaufen und dann eben hier in Villafranca hängen geblieben sind. Theresa und ich melden uns an der Rezeption (die auch gleichzeitig Esszimmer, Aufenthaltsraum und Wäschezimmer  ist, denn am Kamin sind nasse Klamotten aufgehängt) und bekommen unsere Ausweise ausgestellt. Auf diesen muss man sich bei jeder Etappe einen Stempel geben lassen, um in Santiago nachweisen zu können, dass man wirklich den Jakobsweg gelaufen ist. Unseren ersten Stempel bekommen wir direkt vor Ort, insgesamt werden es etwas über zehn sein, bis wir in Santiago ankommen. Beim gemeinsamen Abendessen sprechen die Herbergsbesitzer ein Gebet für Theresa und mich, damit wir am nächsten Tag sicher auf den Weg kommen. Irgendjemand muss das Gebet wohl überhört haben, denn bereits der Titel dieses Eintrags verrät ja, dass dieser Wunsch leider nicht so ganz in Erfüllung gegangen ist. Aber dennoch ist es eine schöne Geste und irgendwie kommt uns die Herberge wie ein perfekter Einstieg für unseren Weg ein: knarzige Betten in einem großen Schlafsaal, kaltes Wasser in der Dusche (ich entscheide mich am nächsten Morgen, mit der Dusche doch lieber bis zum Ende der ersten Etappe zu warten) und eben unsere urigen sechs Altpilger, die uns herzlicher nicht hätten aufnehmen können.

Nach dem Essen sehen wir uns noch ein wenig in Villafranca um, denn wir wollen unsere erste Station auf dem Camino ja auch ein wenig kennenlernen. Es ist der letzte Karnevalstag (auch Spanier feiern zu meinem Leidwesen Karneval…) und so ist auf dem Dorfplatz noch eine kleine Feier mit ungefähr 20 Kostümierten (es geht schon auf 22 Uhr und es ist ja sowieso der letzte Tag 😀 ) und spanischer Karnevalsmusik im Gange. Etwas abseits der Restfeier treffen wir einen Clown, der für uns auf dem Camino noch sehr wichtig werden wird: Er besteht nämlich darauf, dass ich ihn fotografiere, weigert sich aber, verbal mit mir zu kommunizieren. Und da sein Kostüm genauso unheimlich ist, wie seine Kommunikationsweise, wird er für uns in den nächsten Tagen eine immerpräsente Horrorgestalt, wann auch immer uns etwas unheimliches passiert. Ein Bild von unserem gruseligen neuen ‘Freund’ seht Ihr unten in der Galerie.

Nach unserer kurzen Erkundungstour geht es recht bald ins Bett, da wir ja morgens zeitig loswandern wollen. Außer uns ist nur eine australische Pilgerin in der Herberge, die den Camino bereits von Beginn an läuft. Sie bricht am Morgen wesentlich früher auf als wir und vergisst ihre Handschuhe. Da wir dasselbe Ziel haben wie sie, nehme ich sie mit. Ich werde sie einige Tage mit mir herumschleppen, bis wir ihr zufällig wieder über den Weg laufen.

Beim Aufbruch ist es nass, aber nicht regnerisch. Das ändert sich jedoch innerhalb der ersten Viertelstunde unseres Weges und von da an ist die Frage weniger, ob es regnet, sondern eher wie nass man wird. Bis zum vorletzten Tag unserer Wanderung werden wir keine Etappe laufen, an deren Ende wir nicht durchnässt sind. Das ist an sich kein Problem, denn wir sind beide mit wasserabweisender Kleidung ausgestattet, die Stiefel sind imprägniert und unsere Rucksäcke haben Regenüberzüge. Doch ab einer bestimmten Menge Wasser ist auch das irgendwann egal.

Ich habe für den Verlauf des Jakobsweges ein Tagebuch geführt und mich entschieden, einige meiner Einträge zu nutzen, um unsere Stimmung unterwegs ein wenig widerzuspiegeln. Ich kopiere dabei tatsächlich die wortwörtlichen Einträge und editiere nichts, um das Ganze so authentisch wie möglich darzustellen.

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10.02. (erster Tag) Villafranca del Bierzo – Ruitelán (20 km)

14:47:  Der Regen hat unsere Etappe heute leider etwas verkürzt. Nass bis auf die Knochen (inkl. Unterwäsche, Wanderstiefel und Socken) ging es leider einfach nicht mehr weiter. So haben wir statt der angepeilten 29-30 km leider nur 20 geschafft. Den letzten Kilomenter sind wir schon beinahe geschwommen. Unsere Herberge ist weniger urig und wesentlich komfortabler als die in Villafranca (die aber mit ihren 6 Besitzern – alle Pilger, die aus verschiedenen Teilen Spaniens dort hängen blieben – durchaus ihren Charme hatte). Wir ruhen uns hier aus, waschen und trocknen Wäsche und machen uns morgen früh wieder auf den Weg.

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Klingt etwas unangenehm, aber eigentlich nicht ganz so schlimm, oder? Das denken wir uns auch, zumal einer der beiden Herbergswirte in Ruitelán uns ermutigend sagt, für die erste Etappe seien 20 Kilometer ohnehin die Idealdistanz, um sich auf den Weg einzustimmen. Wir verbringen den Nachmittag und Abend im Aufenthaltsraum der Herberge, während unsere Wäsche und vor allem die Stiefel auf den Heizungen trocknen. Wir spielen Karten (bereits seit ich Theresa kenne, spielen wir fast ständig ein israelisches Kartenspiel, das eigentlich Yaniv heißt, von uns allerdings immer ‘Hans’ genannt wird), lesen und genießen vor allem die Tatsache, dass die Duschen hier warmes Wasser haben!

Der nächste Morgen beginnt dann allerdings bereits mit einer unschönen Realisierung: Theresas Schuhe sind über Nacht nicht trocken geworden, was ihren bereits vom ersten Tag blasengeplagten Füßen eine unangenehme zweite Etappe verheißt. Zudem regnet es noch immer, sodass wir uns auf einen zweiten Marsch durch die Nässe einstellen müssen. Nach dem Frühstück brechen wir früh auf, doch nach maximal einem Kilometer Weg setzt es den nächsten Rückschlag: die Sohle meines rechten Stiefels reißt ungefähr zur Hälfte ab und baumelt lose IMG-20160212-WA0000am Rest des Schuhs herum. Bei näherer Inspektion zeigt sich, dass auch die linke Sohle locker ist und nicht mehr lange mitspielen wird. Wir sind ratlos, denn wir wissen, dass es weit und breit nicht die Möglichkeit geben wird, neue Schuhe zu kaufen. Und dass ich mit diesem Paar nicht bis nach Santiago kommen werde, ist leider offensichtlich. Wir behelfen uns schließlich mit einer Notlösung und fixieren die Sohle notdürftig mit einer Kordel, um zunächst die 10 Kilometer bis nach O Cebreiro, dem nächsten Ort zu schaffen. Die Bergtour dorthin ist die steilste auf unserem gesamten Weg und wird zu einer dreistündigen Horrorvorstellung, während der Theresa und ich uns beide sicher sind, dass wir definitiv nicht in Santiago ankommen werden. Irgendwie schaffen wir den Aufstieg trotzdem und sind überglücklich, in O Cebreiro einen Pilgerladen zu finden, in dem es Wanderstiefel zu kaufen gibt. Wir sind gerettet! Richtig?! Nein… denn es gibt dort nur Stiefel bis Größe 45, ich trage allerdings Schuhgröße 46. Der Hoffnungsschimmer dauerte also ganze fünf Minuten. Und nun stehen wir vor der bitteren Entscheidung, aufzugeben oder mit dem Taxi zwei Etappen zu überspringen, um in Sarría den nächsten Schuhladen aufzusuchen. Wir entscheiden uns zähneknirschend für die zweite Variante und zahlen fast 50€ für eine Fahrt nach Sarría, wo ich für weitere 100€ neue Stiefel kaufe. Ein bitterer zweiter Tag, aber immerhin geht es weiter.

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11.02. (2. Tag) Ruitelán – O Cebreiro (9km) / Sarría – Barbadelo (5km)

15:14: Murphy’s Law ist unser ständiger Begleiter auf dem Camino. Nicht nur haben sich Theresas Blasen über nacht scheinbar multipliziert, sondern ihre Stiefel sind noch immer feucht. Zu allem Überfluss reißen an beiden meiner Stiefel die Sohlen vorne ab. Irreparabel. Wir kämpfen uns die 10km von Ruitelán den Berg hoch bis O Cebreiro vorwärts, im strömenden Regen, getrieben von der Hoffnung auf einen Schuhverkauf in einem der Pilgerläden. Es gibt einen, aber die Schuhe sind zu klein. Der nächste aden? 45 km weiter in Sarría, der übernächsten Etappe. Es bleibt uns keine Wahl, als für 45€ ein Taxi zu nehmen.

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Immerhin geht für den Rest des zweiten Tages von da an alles gut. Wir beschließen, noch ein Stück weiterzuwandern, 5 Kilometer bis nach Barbadelo, dem nächsten Dorf, in dem es eine Herberge geben soll. Zum Einen wollen wir unser Gewissen beruhigen, da unsere ‘Pilgerbilanz’ nach zwei Tagen insgesamt bisher magere 30 Kilometer zu Fuß und 45 Kilometer im Taxi beträgt, zum Anderen will ich mit der kurzen Strecke die neuen Stiefel ein wenig einlaufen, bevor ich am nächsten Tag zu einer längeren Etappe aufbreche.

Auf dem Weg von Barbadelo und kommt zum ersten Mal seit zwei Tagen die Sonne heraus und es wandert sich gleich doppelt so gut. Zum ersten Mal seit dem zweiten Morgen der Wanderung sind wir wieder zuversichtlich und kommen zufrieden in Barbadelo an. Murphy scheint uns endlich verlassen zu haben…

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Cornelius Lilie

I am a student of History and Political Studies at Bonn University in Germany and I will study at Valencia, Spain for a semester.