Blogventure – We blog our adventure
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Bonn, 03.04.2016

Zunächst einmal: ich hatte mit diesen Beiträgen wesentlich schneller sein wollen. Aber leider hatte ich bei meiner Planung nicht in Betracht gezogen, dass ich hier in Deutschland wieder in einen Alltag zurückkehren würde, der wesentlich zeitaufwendiger ist als der in Spanien. Und daher fehlen oft entweder Zeit, Motivation zum Schreiben und Arbeiten an meinen Einträgen. Das hat nichts damit zu tun, dass mir das Bloggen keinen Spaß mehr macht, aber leider kommen eben immer wieder einmal Dinge dazwischen. Aber abgesehen davon… weiter gehts! :)

Nach Schuhunglücken, unfreiwilligen Taxifahrten und ersten Anzeichen, dass es in Nordspanien doch so etwas wie die Sonne zu geben scheint, erreichen wir am Abend unseres zweiten Tages Barbadelo, ein kleines Dorf etwa 5 Kilometer hinter Sarría. Unsere traurige Pilgerbilanz am zweiten Abend sind 35 Kilometer zu Fuß und 45 im Taxi. Doch wir sind wesentlich zuversichtlicher als am Morgen oder große Teile des Tages über. Denn auch, wenn wir beide etwas enttäuscht sind, eine Etappe mit dem Taxi übersprungen zu haben, so haben wir nun wieder Hoffnung, Santiago überhaupt zu erreichen. Die Herberge in Barbadelo liegt einsam am Waldrand und bei unserer Ankunft sagt uns der Rezeptionist, dass wir (wieder einmal) die einzigen Gäste sind. Er selbst wird auch gegen 22 Uhr das Haus verlassen, sodass wir die Nacht über alleine sind. Zum Abendessen verweist er uns an einen Bauernhof etwa 200 Meter entfernt, dessen Besitzer auch eine Herberge und ein Pilgerrestaurant betreiben. Wir folgen dem Ratschlag und kehren dort ein. Der Abend wird fantastisch und entschädigt uns ein wenig für den miesen Tag mit allen seinen Unglücken und Unannehmlichkeiten.

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11.02. (2. Tag) Ruitelán – O Cebreiro (9km) / Sarría – Barbadelo (5km)

23:39: Die neuen Schuhe waren ein Glücksgriff – heruntergesetzt, unglaublich bequem und vor allem bedeuten sie, dass wir weiterlaufen können. Nachdem ich Schuhe und Imprägnierspray in Sarría erstanden habe, wandern wir noch einmal 5km weiter bis Barbadelo und machen hier Halt für den Tag. Wir sind die einzigen Menschen in der jugendherbergsartigen Pilgerunterkunft. Abendessen und eine Obsttüte für das Frühstück gibt es in einem nahegelegenen Bauernhaus bei Carmen und Pedro, einem älteren galizischen Ehepaar. Bis 10 Uhr diskutieren wir mit ihnen über Politik, Geschichte, Sprachen (vor allem innerhalb Spaniens) und unsere Erasmus-Erlebnisse. Am Ende des Abends blicken wir auf unseren Horrortag weit entspanner zurück. Doch morgen verheißt der Wetterbericht 100% Regenwahrscheinlichkeit. Das Schild vor der Heberge verrät: 107,5 km bis Santiago. Die traurige Bilanz von zwei Tagen Pilgern mit Murphy: 35 km gewandert (und geschwommen), 45 km im Taxi. Es kann nur besser werden!

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Hier ist er noch einmal zur Erinnerung.

Erinnert Ihr euch an den Clown aus dem letzten Beitrag? Unser kleiner, grauenerregender Karnevalsfreund aus Villafranca? Es stellt sich heraus, dass er  uns gefolgt ist. Also nicht wirklich natürlich. Aber zumindest scheint er immer präsent zu sein, wenn irgendetwas in irgendeiner Form Unheimliches passiert. Ich bin normalerweise hart im Nehmen, was Horrorfilme, Geistergeschichten, etc. angeht. Aber wenn man zu zweit in einer abgelegenen Herberge am Waldrand ist, draußen die Schatten der sich im Sturm bewegenden Bäume tanzen, der Regen auf das Dach prasselt und dann mitten in der Nacht das Licht aufflackert und man Geräusche aus dem eigentlich leeren Haus hört, dann fallen einem leider alle Gruselfilmklischees gleichzeitig ein. Und wenn man vorher zwei Tage lang Witze über den gesichtslosen Clown aus Villafranca del Bierzo gemacht hat, dann fühlt der sich selbstverständlich auch eingeladen, ein wenig in unseren Gedanken herumzuspuken. Und so wird die dritte Nacht auf dem Camino ein wenig schlafloser und unruhiger als die vorigen. Theresa und ich sind beide froh, als wir am nächsten Morgen die Herberge hinter uns lassen. Es regnet zwar weiter, aber dafür haben wir unterwegs und tagsüber weniger von dämonischen Clowns zu befürchten. Man soll ja immer die positiven Aspekte des Lebens bedenken!

Der dritte Tag führt uns von Barbadelo, unserer Station nach dem großen Schuhunglück, nach Portomarín. Laut unseres Pilgerführers sind das nur 16,5 Kilometer. Unser Pilgerführer liegt (wie so oft) falsch. Als wir abends nachschauen, sind wir eher 22 Kilometer gelaufen. Die erste Tageshälfte ist definitiv die anstrengendere, denn wir müssen ohne Kaffee aufbrechen (nach einer fast schlaflosen Nacht wenig ratsam) und es gibt bis Mittags keinen einzigen Ort zum Einkehren in den winzigen Bauerndörfern. Über eine Strecke von etwa 10 Kilometern werden wir auf die Nachfrage nach einem Café dreimal mit “Noch etwa zwei Kilometer” verwiesen.

Doch auch dieser Tag findet seinen Abschluss, als wir gegen Nachmittag in Portomarín ankommen, der nächsten größeren Stadt und nächsten Etappe nach Sarría. Dort treffen wir seit unserem Aufbruch zum ersten Mal wieder andere Pilger – beziehungsweise einen anderen. Armand, ein lettischer Pilger, der bereits seit der französischen Grenze unterwegs ist. Mit ihm verbringen wir den Abend, bringen ihm Hans bei, trocknen (wie immer) Schuhe und Kleidung und gehen früh schlafen. Am nächsten Tag steht eine wesentlich längere Etappe auf dem Plan – 25 Kilometer laut Pilgerführer bis nach Palas de Rei.

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13.02. (4. Tag) Portomarín – Palas de Rei (27km)

19:03: Die zweite Tageshälfte zehrt die restlichen Kräfte gnadenlos auf, denn nach umserer Rast regnet es beständig, bis wir Palas de Rei erreichen, und der teilweise laut heulende Wind peitscht uns streckenweise in Wellen ins Gesicht. Erstaunlicherweise interessiert mich die Nässe bald nicht mehr und auch meine schmerzende Ferse kann ich problemlos ignorieren und mich stattdessen auf den Weg konzentrieren. Leider geht es Theresas Füßen zusehends schlechter, während meine neuen Stiefel mir weiterhin den Gefallen tun, dichtzuhalten. Als wir in der Herberge ankommen, sind Theresas Füße blutig. Zum ersten Mal auf dem Weg schlafen wir heute mit mehreren anderen Pilgern in einem Zimmer – hoffentlich schnarcht niemand. Theresa ist die Letzte, die beim Duschen warmes Wasser hat, ich muss mit einer kalten Dusche vorlieb nehmen. Nachdem wir uns etwas entspannt und gedehnt und die nassen Sachen aufgehängt haben, werden Anrufe erledigt und etwas Karten gespielt. Zum Abendessen wünschen wir uns beide nach zwei Tagen ohne warmes Essen eine heiße Mahlzeit. Für den morgigen Tag stehen laut Plan 29.4km an (wobei die Angabe von 25km für heute wieder unter der tatsächlichen Streckenlänge lag). Wir beschließen von der Wetterlage und unseren Füßen abhängig zu machen, wie weit wir laufen wollen. Nach wie vor haben wir den durch die Schuhaktion “gewonnenen” Tag als Puffer – voraussichtlich am 16. werden wir in Santiago ankommen, das noch ca. 70km entfernt liegt. Wir können es also ruhig angehen lassen.

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Klingt schon wieder gut, nicht wahr? Irgendwie frage ich mich, wenn ich im Nachhinein meine eigenen Kommentare zum Camino lese, wieso ich die Erfahrung so großartig fand. Denn unterwegs schimpfen wir regelmäßig auf das Wetter, unsere Entscheidung, den Camino zu laufen, das Wetter, die Welt und das Wetter. Aber trotzdem laufen wir immer weiter. Und trotzdem sind wir beide immer glücklich, wenn wir am Abend in der Herberge ankommen. Erschöpft, ja. Oft komplett ausgelaugt. Aber glücklich.

Trotzdem kann man den vierten Tag als einen der absoluten Tiefpunkte bezeichnen. Zumindest für Theresa, die es wesentlich schwerer hat als ich. Armand hatte uns erzählt, dass es am vierten oder fünften Tag ein solches geben wird. Für Theresa ist es, wie der Tagebucheintrag sicherlich erahnen lässt, der vierte. Sie quält sich zum Schluss des Weges die letzten Meter bis zur Herberge und tut mir mit ihren blasengequälten Füßen wirklich Leid. Dennoch hält sie durch und überwindet ihren Tiefpunkt.

Und am nächsten Tag bin ich dann dran. Und wie! Auf dem Programm steht der Weg von Palas de Rei bis nach O Pedrouzo, laut Pilgerführer 29,4 Kilometer (und in Wirklichkeit etwa 31…) und die ziehen sich! Kennt Ihr das Gefühl, wenn aus irgendeinem Grund jeder Schritt wie ein Kampf wirkt und die Füße sich eher wie Bleigewichte anfühlen als wie Teile des Körpers? Die Hälfte des Tages schleppe ich mich so dahin und gehe glaube ich Theresa mächtig auf die Nerven mit meinem Gequengel. Hunger, Durst, Aua… und so weiter halt. 😀 Rückblickend lache ich mich selbst aus, aber an diesem Tag ist mir tatsächlich kein bisschen nach Lachen zumute. Erst nach dem Mittagessen, das wir in einem niedlichen kleinen Restaurant ungefähr auf der Hälfte der Strecke einnehmen, geht es besser. Gestärkt geht es weiter (auch, wenn ich beim Gedanken an weitere 15 Kilometer vor uns eigentlich wenig Lust zum Aufbruch habe…) Doch oh Wunder – eine Entfernungsangabe war wieder einmal falsch! Denn wir können noch keine Stunde unterwegs sein, da wird uns unser Tagesziel als nur noch 6 Kilometer entfernt angekündigt! Und als dann auch noch der Regen aufhört, wird der Rest des Tages plötzlich ein Kinderspiel – Tiefpunkt überwunden! Am späten Nachmittag erreichen wir Ribadiso da Baixo (man merkt, dass die galizisichen Namen schon fast portugiesisch anmerken, statt spanisch). Die Herbergsanlage erinnert mich etwas an die Hütten in Taizé und wir sind wieder einmal die Einzigen hier. Doch da wir eine kleine, gut geheizte Hütte für uns haben, macht uns das nichts aus. Zwei Tage noch – und das Schlimmste ist jetzt definitiv vorbei!

Auch, wenn ich mich zu Beginn des Beitrags noch über meine Langsamkeit beim Bloggen beschwert habe, muss ich leider noch eine kleine Pause ankündigen, denn von morgen früh an bis zum 10.4. werde ich erneut auf Reisen sein (in Ungarn und Hessen) und daher keine Zeit zum Weiterschreiben haben. Aber danach geht es zügiger weiter (und bald dann auch dem Ende zu 😉 ), versprochen!

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Cornelius Lilie

I am a student of History and Political Studies at Bonn University in Germany and I will study at Valencia, Spain for a semester.