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Die Kathedrale ist leider eingerüstet, aber das stört uns bei der Ankunft nicht.

Bonn, 15.04.2016

Die Tiefpunkte sind überwunden, die Regenbäche und -meere durchschwommen (oder zumindest fühlt es sich so an), und wir haben Santiago bereits fast erreicht. Am letzten Abend vor unser Ankunft machen wir Rast in O Pedrouzo, von wo es noch ungefähr 18 Kilometer bis zu unserem Ziel sind. Dort gehen wir abends noch einmal mit Armand essen, der ebenfalls dort seine letzte Rast macht. Leider erleiden wir (vor allem Theresa) einen Schock, als wir zufällig auf die Flüchtlingskrise zu sprechen kommen  und er beginnt, ein rassistisches Vorurteil nach dem anderen herauszuposaunen. Ich bekomme (zum Glück) nicht alles mit, weil ich nach dem Essen mit einem kurzen Tagebucheintrag beschäftigt bin. Aber das, was ich höre, reicht mir vollkommen und Theresas anschließender Bericht macht es noch schlimmer. Im Anschluss daran haben wir beide nicht mehr sonderlich viel Lust auf Armands Gesellschaft und der letzte Abend vor Santiago geht leider mit einem etwas säuerlichen Beigeschmack zu Ende.

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15.02. (6. Tag) Ribadiso da Baixo – O Pedrouzo (24km)

22:23: Es ist erstaunlich, wie sehr es die Ansicht, die man von einem Menschen hat, verändert, wenn man etwas Neues über ihn erfährt. Beim Abendessen und einem anschließenden Glas Wein driftet die Konversation kurzzeitig zu Flüchtlinen und Asylbewerbern. Ich bekomme nicht die ganze Unterhaltung mit, aber sehe das Entsetzen in Theresas Gesicht, als Armand plötzlich vollkommen unverfänglich über die “niggers” spricht, die viel zuviele Ansprüche an die sie aufnehmenden Länder stellen… im Anschluss ist keiner von uns mehr sonderlich erpicht auf einen langen Abend mit Armand. Man kann über viele Fehler oder Charakterzüge eines Menschen hinwegblicken, aber manche Dinge sind schwierig zu ignorieren. Rassismus ist nicht wie Mundgeruch oder schlechter Musikgeschmack – mehr als eine einfach zu belächelnde oder ignorierende Macke oder Imperfektion. Irgendwie ist diese Erfahrung ein Dämpfer für meine Camino-Euphorie, die sich trotz aller Schmerzen in den letzten Tagen aufgebaut hatte. So halten alltägliche Probleme und Konflikte Einzug in diese doch eigentlich so vom Alltag abgeschiedene Erfahrung, die so ihre ganz eigene Dynamik und Gesetze zu haben schien…

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Doch bereits am nächsten Morgen beim Aufbruch zur letzten Etappe sind wir beide wieder besser gelaunt. Wir haben am vorigen Nachmittag unser Frühstück im Supermarkt zusammengekauft und können so früh aufbrechen, dass trotz bereits scheinender Sonne noch alle Wiesen von Raureif bedeckt sind und unser Atem in der Luft steht. Und nach etwa einer Stunde Laufens steht dann auch die Sonne am Himmel und wir können entspannt und ohne Angst vor Regen (welch Seltenheit! 😀 ) Santiago entgegenstreben. Das Wetter wird von jetzt an auch nur noch besser und so hindert uns nichts an einer Pause etwa 3 Kilometer vor unserem Ziel, bei der wir im strahlenden Sonnenschein auf der Terrasse eines Luxushotels sitzen, das (oh Wunder) nach dem Jakobsweg benannt ist.

Und dann ist es endlich soweit: nach fünfeinhalb Tagen, mehreren Sintfluten, zahllosen Blasen und Schmerzen jedweder Art überwinden wir die letzte Hügelkuppe und sehen vor uns den erhebenden Anblick von… Fabrikhallen, Hotels und einer Autobahn. Der Jakobsweg mündet nämlich tatsächlich im Industriegebiet von Santiago und man muss, bevor man die Altstadt erreicht, eine geschlagene halbe Stunde durch eine absolut hässliche Kulisse von Schnellrestaurants, Fabriken, Hostels und Supermärkten laufen, bevor man an der Kathedrale ankommt – alles mit zahlreichen Jakobsmuscheln ‘verziert’, versteht sich.

Doch schließlich ist es dann soweit und wir erreichen das wirkliche Ende des Pilgerwegs. Kurz vorher begegnen uns immer mehr bereits angekommene Pilger, die uns Mut zusprechen und uns zum Durchhalten anfeuern. Einer der uns Entgegenkommenden ruft fröhlich: “Ihr habt es fast geschafft! Ich laufe jetzt nach Hause!”, und tritt tatsächlich den Weg zurück an. Wir erreichen erst die Kathedrale und kurz darauf auch das Pilgerbüro, wo man uns Stempel gibt und Urkunden aushändigt. Und das war es dann – der Jakobsweg, geschafft und vorbei!

Nun heißt es natürlich erst einmal entspannen. Wir checken in ein Hostel ein und kochen uns abends etwas (die erste warme, selbstgekochte Mahlzeit seit einer Woche), bevor wir planen, wie wir die letzten gemeinsamen Tage verbringen wollen. Leider hat sich auf den letzten Kilometern anscheinend durch die Überlastung mein rechtes Knie entzündet (was mich bis nach Deutschland verfolgt und momentan leider immer noch hier orthopädisch behandelt wird…), weswegen wir den nächsten Tag über erst einmal entspannen. Schließlich haben wir durch die Wanderstiefel-Panne einen Tag gewonnen. Wir liegen den Tag über lesend auf den Sofas im Hostel herum, schauen uns ein wenig Santiago an und lassen uns massieren. Unsere Muskeln danken es uns nach einer Woche voller Anstrengungen und Rucksack-Tragen.

Am 18., am Tag vor unserer Abreise, fahren wir dann auf Empfehlung unseres Hostel-Wirtes noch nach La Coruña, einer Hafenstadt etwa 70 Kilometer entfernt, die der Provinz um Santiago ihren Namen gibt (auf galizisch A Coruña). Dort steht unter anderem der Torre de Hercules, der älteste Leuchtturm Europas. Er wurde im 2. Jahrhundert (geschätzt etwa 110) n. Chr. von den Römern gebaut und im 18. Jahrhundert im Auftrag Carlos IV. restauriert. Seit 2009 ist der Turm UNESCO-Weltkulturerbe. Weil es leider keinen Aufzug gibt und ich mein Knie nicht überlasten will, verzichten wir auf den Aufstieg (zumal der recht teuer ist und es keine Studentenrabatte gibt). Stattdessen streunen wir ein wenig an den Klippen entlang, besichtigen die aus irgendeinem Grund dort stehenden Menhire und eine Art Stonehenge in der Nähe des Turms und fahren abends wieder mit dem Zug zurück nach Santiago. Dort kochen wir noch einmal gemeinsam und gehen relativ früh ins Bett, da Theresa am frühen Morgen mit dem Bus nach Salamanca reisen will und ich gegen 11 Uhr wieder nach Valencia fliege. Der Abschied fällt relativ kurz aus – wir werden uns schließlich in etwa zwei Wochen in Bonn wiedersehen, wo ich ja wieder hinziehe und Theresa gebürtig herkommt. Also alles halb so wild. :)

Und das war es auch schon mit dem Jakobsweg. Die letzte große Reise ist vorbei und nun heißt es Abschiednehmen von Spanien. Die letzten Tage sind wenig ereignisreich und vor allem von Abschieden geprägt. Nicht sonderlich berichtenswert, wer mag schon Abschiede? Valencia wird mir fehlen (und fehlt mir tatsächlich immer noch – vor allem die Wärme), aber Bonn ist ja schließlich auch nicht verkehrt. 😉

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Cornelius Lilie

I am a student of History and Political Studies at Bonn University in Germany and I will study at Valencia, Spain for a semester.